Einer dieser Wahlkämpfe
Und schon ist er wieder vorbei, der besonders kurze und kalte Winterwahlkampf vor der vorgeschobenen Bundestagswahl 2025. Ich schreibe diesen Text am Mittag des Wahlsonntags – also im Grauen aber noch nicht im Wissen um den genauen Ausgang. Was ich jedoch grauend weiß: Heuer war einer dieser Wahlkämpfe.
Hier zu lesen: Einige Gedanken zum Wahlkampf, verfasst am Schicksalsonnstag selbst.
Diesem Anfang wohnt der Teufel inne
Was die vorgeschobene Wahl angestoßen hat, ist in der ganzen Republik hinlänglich bekannt. Es war in etwa so: Der Freiheitskämpfer und Bundesminister der Finanzen durch Scholzens Gnaden Christian Lindner (FDP) hat die offene Feldschlacht ausgerufen und infolgedessen eben jene Gnade verloren. All das kam nach Monaten der Krise zwischen den drei Spitzenmännern der Koalitionspartner. Der Kanzler stellte die Vertrauensfrage, verlor sie wie geplant und Bundespräsident Steinmeier rief Neuwahlen aus. Man kann festellen: Diesem Anfang wohnte kein Zauber inne – und falls doch, dann war es ein Fluch.
A-, B- und C-Promis – Pardon! Politiker
Nicht nur die ARD ist jetzt auf twitch.tv vertreten, sondern auch die Kanzlerkandidaten der Parteien: Robert Habeck (Grüne) taucht bei Maximilian Knabe (HandOfBlood) in einer Liveübertragung zum Quatschen (beispielsweise über den Ursprung des Lochs in einem Kissen ...) auf, Olaf Scholz (SPD) und Friedrich »Fritze« Merz (CDU) müssen sich nach dem Kanzlerduell den Fragen von TikTok-»Influenzern« stellen.
Darüber hinaus zeigen sich verschiedene Kandidaten in vielen anderen unwürdigen Onlline-Formaten. »Fragenhagel« von 1 Live beispielsweise, in dem die selbe Moderatorin, die sonst A-, B- und C-Promis blöde Fragen stellt, nun A-, B- und C-Politiker mit langweiligen Fragen »behagelt«. Dieses Format lässt keine Nachfragen zu und bleibt bei oberflächlichen Fragen oberflächlich. Eine interessante Erkenntnis gab es allerdings: Alice Weidel antwortete auf die zwar übersimplifizierte Frage »Trump oder Putin« allen Ernstes »Beide«.
Der WDR lud die Spitzenkandidaten »Auf einen Döner [...]« ein und induziert damit bei mir nur eine Fragen: Wieso? Wird dem Bürger langweilig, wenn er den beiden Moderatoren und dem Gast während des Gesprächs nicht hin und wieder beim Abbeißen zuschauen kann? Soll dem Bürger klar gemacht werden: Selbst Christian Lindener ist ein normaler Mensch und muss essen? Jedenfalls ist es eine spaßhafte Idee, in einem Interview Döner zu essen. Die Top-Erkenntnis: Jeder der Männer betont, den Döner scharf haben zu wollen und Christian Lindner nimmt vegetarisch ...
Die Herren Scholz, Habeck und Lindner waren außerdem bei dem ehemaligen Funk-Format »Word Wide Wohnzimmer« zu Gast. Die zwei kindgebliebenen Moderatoren sind für ihre unanständigen Witze und ihre allgemein lockere Art bekannt und (bei ihrer Zielgruppe) beliebt. Da kann man also darüber lachen, dass Olaf Scholz, der nicht nur für ein »Interview«, sondern auch gleich für deren Quizshow »Korrekt oder Weg« geblieben ist, billiges Spaghettieis essen muss, gefragt wird, ob er zuhause Barfuß gehe, und ob es das erste Mal sei, dass ein amtierender Bundeskanzler bei einer Quizshow auftritt – letzteres stimmt. Auch sieht mal den Bundeskanzler neben einem der Moderatoren sitzen, wie dieser auf die Frage nach dem Autor des Dramas Faust mit »Fitzek« antwortet – autsch!
Habeck blieb nach seinem Quatschinterview auch direkt für das Format »Hochpetern«, das unter dem Titel »Wie schlau ist Robert Habeck?« angeschaut werden kann – aber nicht muss. Friedrich Merz ist bei World Wide Wohnzimmer nicht zu sehen, dafür gleich Phillip Amthor (CDU) und Markus Söder (CSU).
Inhaltsloses gibt es übrigens nicht nur bei YouTube-Quatschköpfen, sondern auch in der Boulevard: Die »Bild« zeigt Alice Weidel zu Beginn ihres Interviews Befragungen der Menschen, die in der Straße ihres Hauptwohnsitzes wohnen und will die Politikerin dabei ertappt haben, nie zuhause zu sein – seltsam ...
Das Hofnarrenspiel
2021 hat Armin Laschet (CDU) an unpassender Stelle über einen Scherz gelacht und unter anderem deswegen die Wahl verloren. Wäre die SPD nicht schon seit langem bei schamhaften fünfzehn bis siebzehn Prozent in den Umfragen, hätte Scholz vielleicht eine Woche vor der Wahl seinen Lacher-Moment gehabt – genauer: seinen Hofnarren-Moment. Auf einer privaten Feier soll der Bundeskanzler den CDU-Politiker Joe Chialo als »Hofnarren« beleidigt haben. Sicherlich nicht die feine Art, aber das tatsächlich schlimme daran war die Anwesenheit des Chefredakteurs des Focus, Georg Meck. Zehn Tage später fiel diesem nämlich plötzlich ein, dass Joe Chialo eine schwarze Hautfarbe hat und warf dem Bundeskanzler medienwirksam Rassismus vor. Jeder nicht-Empörialist weiß sofort, dass diese Anschuldigung haltlos ist – da kann man noch so selbstgeißelnd von unterbewussten Vorurteilen und fest verankertem Latenzrassismus bei Weißen faseln.
Nur die Spitze des Berges
Auf dem Berg einer Partei mit ihrem gesamten Programm, ihrer Basis und ihrer vollen Liste ist der Spitzenkandidat nur genau das: die Spitze. Es ist klar, dass zur Wahlentscheidung auch die Frage dazugehört, wer künftig die Bundesregierung führt. Die große Fokussierung zulasten der politischen Inhalte – namentlich der Parteiprogramme – ist meiner Ansicht allerdings ein großer Fehler. Die Bundestagswahl ist eben nicht die Kanzlerwahl, sondern die Wahl, in welchen Anteilen die Parteien im Bundestag sitzen und Gesetze machen. Dass dieser elementare Teil der politisch Bildung in Teilen der Bevölkerung fehlt – man darf als Politikinteressierter nie vergessen, dass die meisten Deutschen sich eigentlich nicht für Politik interessieren – kann ich anekdotisch beweisen. Ein älterer Herr fragte heute vor meinen Augen im Wahllokal eine der Wahlhelferinnen, ob er mit beiden Stimmen die gleiche Partei wählen dürfe.
Meine Entscheidungsfindung
Mir haben diese ganzen lachhaften Auftritte sehr bei meiner Entscheidung geholfen. Herr Scholz hat kräftig in seinen WDR-Döner gebissen, das finde ich gut. Herr Habeck hat sich ganz locker auf twitch.tv bei HandOfBlood gezeigt, dadurch ist er mir sympathisch geworden. Frau Weidel hat sich entlarvt, als sie bei 1 Live offenbart hat, dass ihre Politik tierisch am besten durch den Hund beschrieben werden kann und Herr Lindner hat sich bei »World Wide Wohnzimmer« kultig duzen lassen – toll!
Aber am besten von Allen: Herr Merz hat nach dem Kanzlerduell auf twitch.tv gezeigt, dass er nicht weiß, was »Bubatz« heißt – das hat mich überzeugt!
Man kann nur froh sein, dass wohl die meisten Wahlberechtigten mindestens die lachhaften Online-Formate nicht anschauen und sich auch von noch so beherzten Bissen in den WDR-Döner nicht beeinflussen lassen.
Schlagwörter: politik